Der Künstler

Claus Richter, geboren 1971 in Lippstadt, ist ein zeitgenössischer deutscher Künstler. Er lebt und arbeitet in Köln. 2003 absolvierte er das Studium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Seine künstlerische Praxis ist multimedial und lässt sich auf kein Genre festlegen.

Claus Richter im Interview

Du hast dich im Wettbewerb der Kunstkommission Düsseldorf mit deinem Entwurf gegen elf andere internationale Künstler*innen und Kunstkollektive durchgesetzt. Hast du damit gerechnet, dass man sich für deine Figurengruppe entscheiden würde?


Ich habe nicht damit gerechnet, aber ich glaube, so ist das eigentlich immer, wenn man an Wettbewerben teilnimmt. In der Regel ist es ja eher selten, dass man so einen Wettbewerb gewinnt, man gibt immer alles, aber schraubt die Erwartungen auf einen „Gewinn“ eher runter. Ich war aber von Anfang an überzeugt, dass es ein spannender Entwurf ist und das Thema war mir persönlich sehr wichtig.

Wie hast du eigentlich von dem Wettbewerb erfahren und was war dein Antrieb, daran teilzunehmen?


Ich wurde eingeladen, und da das Thema mich selbst auch ganz konkret betrifft, war natürlich die Motivation hoch, sich zu engagieren. Ich glaube aber, dass es allen so ging. Es ist eigentlich doch auch toll, eine konkrete Aufgabe vor sich zu haben und zu überlegen, wie man das gut löst.

Wie bist du auf die Idee für deinen Entwurf gekommen?


Wir hatten im Vorfeld einen Termin mit der Kunstkommission, dem LSBTIQ+ Forum, Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und allen eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern und haben dabei auch einen Rundgang durch die Stadt gemacht. Das war sehr speziell, wie alle plötzlich mit so einer anderen Konzentration so ein städtisches Umfeld anschauen. Und wir sind an unzähligen Bronzeskulpturen vorbeigekommen, die man natürlich erst einmal altmodisch findet, aber plötzlich hat es richtiggehend geklickt bei mir und es war klar: Ich möchte eine Bronzeskulptur vorschlagen. Eine Art trojanisches Pferd, das sich mit unserem Anliegen und unserer Geschichte in möglichst klassischer Form gekleidet präsentiert. Also eben nichts „Verrücktes“ oder auch keine Abstraktion, sondern etwas Figuratives. Denn es geht ja um Menschen und ich wollte das stolz und selbstbewusst zeigen, quasi der bisherigen Narration von Erinnerungsorten die Stirn zeigen. Hier sind Menschen. Warum stehen die da? Was ist da los? Mal lesen, was da steht! Das Klischee von Denkmal nutzen und doch auch einen anderen Ort daraus machen.

Die Figurengruppe in deinem Kunstwerk kommt sehr kämpferisch daher – mit in den Himmel gestreckten Armen, geballten Fäusten und Victory-Zeichen. Hast du zu irgendeiner Zeit gezweifelt, ob du diese Symbolsprache verwenden willst, die man sonst aus anderen Kontexten kennt, in denen es etwa um Klassenkampf oder Revolution geht?


Ich habe eigentlich nie daran gezweifelt, denn ich habe lange und intensiv historisches Bildmaterial recherchiert, und bei so vielen Bildern beispielsweise der Christopher-Street-Aufstände sieht man genau diese Gesten. So wie ich die Ästhetik des vielgesehenen Denkmals bewusst nutze, nutze ich auch ganz bewusst diese vielgesehenen Gesten. Und die gehören eben nicht ausschließlich einem speziellen politischen Spektrum oder einer dezidierten Gruppe, sie sind universelle Zeichen des Widerstandes. Bei diesem Ort, den wir hier schaffen, geht es ja auch um ein Einstehen für etwas, für Diversität, für selbstbestimmte Sexualität, für eine menschliche Gemeinschaft. Das hatte und hat leider viel mit Widerstand und Kampf zu tun, das war und ist eben leider die Situation für viele Menschen. Und es gibt ja auch eine weitere Geste, die Figuren halten sich alle an den Händen. Sie sind vereint, es hat etwas sehr Humanistisches für mich, eine Utopie natürlich, die nur ab und zu aufleuchtet, aber dann umso stärker und schöner. So kitschig das klingt: Es geht um die Kraft der Gemeinschaft.

Warum sind es vier Figuren geworden? Die queere Community ist sehr divers und inklusiv, was sich nicht zuletzt in dem Buchstabenkürzel LSBTIAQ+ ausdrückt, das sich ständig verändert. Hast du dich mit der Frage beschäftigt, niemanden auszuschließen, wenn du Personen abbildest?


Das war eine der kompliziertesten Überlegungen, es müssten natürlich einige Millionen Bronzefiguren dastehen, denn jede Klassifizierung ist sofort auch reduktionistisch. Jemand ist als komplexe Person nicht nur *trans oder lesbisch oder nichtbinär, denn es gibt in diesen groben Kategorien wieder unendlich viele Differenzierungen und Lebenswirklichkeiten. Die Community agiert ja selber gerne in Klassifizierungen, die sich dann immer mehr aufsplittern. Plötzlich hat man untereinander wieder hermetische Abgrenzungen der verschiedenen sexuellen Identitäten und damit sofort auch interne Praktiken von Ausschluss und Grabenkämpfen, das hilft leider niemandem. Das „Plus“ in LSBTIAQ+ steht ja auch dafür, dass sich die formulierbaren Varianten sexueller Identität immer und immer weiterentwickeln, das ist und bleibt ein dynamischer Prozess. Die vier Figuren sind also tatsächlich symbolische Figuren. Sie symbolisieren den gemeinschaftlichen Kraftgewinn im Miteinander verschiedener Sexualitäten. Und dabei könnten sie alles Mögliche sein, schwul, lesbisch, trans*, bisexuell, non-binary, asexuell oder eben auch hetero. Ich finde, man kann sich gut in ihnen wiederfinden, sie sind auch zeitlich schwer einzuordnen. Sind sie aus den 1920ern? Oder den 1970ern? Oder von heute? Alles ein bisschen.

Du stellst die vier Figuren bewusst auf einen Sockel – wie Helden vergangener Zeiten. Hat die LSBTIQ+ Community aus deiner Sicht schon alles erreicht?


Leider nicht. Hier in Deutschland schon eher, aber man muss ja nur nach Polen, Ungarn oder Russland schauen, alles nicht weit weg. Und selbst hier kommt es ganz darauf an, wo und wie man sich bewegt, das ist und bleibt ein langer, langer Prozess. Der Sockel ist übrigens im Laufe des Arbeitsprozesses nach und nach niedriger geworden, und die Figuren sind damit mehr und mehr auf Augenhöhe mit den Betrachtern gewandert. Man kann also ganz einfach mit dabei sein, es sind quasi „Alltagshelden und -heldinnen“ geworden, von gestern, heute und morgen wohlgemerkt.

Du hast darauf verzichtet, deinem Kunstwerk einen Namen zu geben. Die Bezeichnung „Ein seltsam klassisches Denkmal“ war so etwas wie ein Arbeitstitel im Rahmen deiner Wettbewerbsteilnahme. Dennoch hat sich dieser Titel bei vielen schon festgesetzt…


Ja, warum nicht? Ich glaube aber, das wird sich vielleicht nochmal ändern, es ist ja ein lebendiger Ort und ein Ort für viele Menschen, mal sehen.

Mahnmale, die an die Verfolgung homosexueller Menschen erinnern, kennt man aus anderen deutschen Städten. Wie beurteilst du, dass die Düsseldorfer LSBTIQ*-Community den Fokus stets auch auf die Emanzipationskämpfe und den langen Weg hin zu gleichen Rechten und mehr Akzeptanz gerichtet hat?


Das fand ich grandios. Es ist wunderbar, ein Mahnmal zu haben, allein das ist schon ein Gewinn. Aber den Fokus auf Prozesse und quasi noch nicht abgeschlossene Entwicklungen zu legen, macht den Ort noch einmal anders. Ich fände es gut, wenn es ein Ort wird, der immer wieder lebendig genutzt wird, dessen Blick eben nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft gerichtet ist.

Die Community hatte auch den Wunsch, dass in der Landeshauptstadt kein weiteres Mahn- oder Denkmal entsteht, sondern ein lebendiger Erinnerungsort. Nun ist es doch ein Denkmal geworden – oder wie siehst du das?


Ich finde, es sieht zwar aus wie ein Denkmal, ist aber durchaus sehr viel mehr. Den lebendigen Erinnerungsort kann man als Künstler nicht erzwingen, das kann ja nur aus den Menschen heraus geschehen. Und dafür ist zum Glück viel Platz. Die Lage am Rhein auf der Wiese ist so toll, man kann sich dort treffen, mit Gruppen sitzen, mit Schulklassen hingehen oder eben einfach nur dort sein und es wahrnehmen. Ich hoffe sehr, dass der Ort oft genutzt wird, er ist ja nicht hermetisch, sondern sehr offen.

Was würdest du dir wünschen, wie die flanierenden Menschen auf der Rheinpromenade auf dein Denkmal reagieren?


Mit Neugier. Neugier ist immer gut.

 

Fragen: Oliver Erdmann